Zur Buchscheer
"Eigentlich wollte mer in de Wald. Dann kam der erste Ebbelwoi dazwischen - jetzt kennt den aktuellen Stand niemand mehr". Schweigen und spülen. Strandgut Perlen erzählen Geschichten. Es gehört schon grösste Erfahrung dazu, nicht wie ein Anfänger zu äpplern. Charmant-gespielte Unsicherheit macht den zukünftigen Schoppepetzer, den süchtelnden Liebhaber des Tiefgespritzen aus.

Nasse Abartigkeiten wie Bier, Kaffee oder Tee haben seit 1876 die rote Karte. Seit dieser Tempel für Selbstgekelterten, wo das "Stöffche" aus einer Gartenpumpe fliesst, unter Adam Theobald debütierte, heisst es in Anfällen von Dekulturation kategorisch wie vom Immanuel Kant: "Hammer net". Um die Seele einer echten Ebbelwoiwirtschaft nicht weiter zu kränken, sollten man pietätvoll auf die Bestellung von "Süssgespritztem" verzichten.

Der Name "Buchscheer" stammt aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, als die Bauern im Herbst ihre Schweine und die Schäfer ihre Schafe in den Wald zur Buchenmast führten, wo die Tiere Bucheckern frassen. "Buch" also von "Buche". "Scheer" ist alt-, bzw. mittelhochdeutsch und bedeute Mäh- oder Weideland. Namen, die an die ehemalige Nutzung des Waldes erinnern. Ober-, Unterschweinstiege, Schäfersteinpfad etc.

Bei dieser kompromisslosen, profilbildenden Linie ist es bis heute geblieben. Sommers drängt die klassenlose Gesellschaft in den wunderschönen Garten. Da hocken sie eng aufeinander und babbeln, was die Seele hergibt. Youngsters und Grufties, Alteingesessene und Zugereiste, Techno-Strizzis neben Omis mit Enkel, Liebespaare und Geschiedene. Frischluftfanatiker nutzen das Lokal als Ausgangs- oder Endpunkt für Stadtwald-Abenteuer.

Vor Jahren, als noch alles verächtlich auf Fleischlos-Fresser herabsah, hatte Redaktionskollege Michalzik bereits die Liebe des Wirts zu vegetarischen Speisen "eruiert". Ganz modern ins Jahr 2oo1 mit Feldsalat, ofenfrischem Hähnchencurry "a la Suman".

Wenn der achte Ebbelwoi ins Blut gespritzt ist, darf der Normal-Esser mit einem hausgemachten Apfelweinbraten an Sachsenhäuser Speckwarzen und Bratapfel sündigen. Oder doch Gegrilltes mit hausgemachtem Kartoffelsalat ? Putenstreifen zum Salat mit Currydip und Baguette sind eher eine ganze Brust. Da lachen die Schrebergartengesellschaften herzhaft mit den Neonbabies: Welch himmlisches Gericht für einen Sterblichen!
Goldie

Schwarzsteinkautweg 17 - Telefon 635121
Montag - Freitag 15:oo - 23:oo Samstag - Sonntag 11:oo - 23:oo
Dies ist nur ein Text aus dem Gastroführer:
"Wo die Nacht den Doppelkorn umarmt"
Ausgabe Frankfurt 2004. Das Buch enthält 1500 Gastrobeschreibungen und ist erhältlich in allen Buchhandlungen, Kaufhäusern, Tankstellen und besseren Zeitschriftenläden.
Die neuste Ausgabe bekommen Sie im Herbst 2006 !